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c/o – Portrait: Soheyla B. Fahimi

Soheyla B. Fahimi ist Sender und Empfänger zugleich, sie versteht sich als Vermittlerin. Auf dem Weg zur Einheit baut die Künstlerin in ihren Werken eine Brücke von der Dualität zur Polarität und von dort zum großen Ganzen.

Ihre sensitive Wahrnehmung, ihre Eindrücke und Intuitionen übersetzt sie in verschiedene Ausdrucksformen, in Skulpturen, in Malerei und in Collage und Décollage. Gerne kombiniert sie die einzelnen Darstellungsformen auch miteinander. So ist ihre Kunst: keine Schubladen, nicht kategorisierbar. „Denn Kunst“, so Soheyla, „darf Ausdruck sein“ und „alles kann, nichts muss“.

Soheyla B. Fahimi wurde 1961 in Bad Honnef als Tochter eines persischen Architekten und einer preußischen Prokuristin geboren. Zwei sehr unterschiedliche Temperamente prallten da aufeinander. Und es sollten genau diese Gegensätze bleiben, die Soheyla B. Fahimi auf der Reise durch ihr Leben begleiten.

Zerstören und Schaffen, Vergangenheit und Zukunft, Tradition und Modernität, die Spannung zwischen diesen Polen treibt sie an. „Alles ist ein großes Ganzes, alles ist miteinander verbunden. Man kann stets Altbekanntes von einem neuem Standpunkt aus anders betrachten, um wieder Neues für sich wahrzunehmen“, sagt die Künstlerin, von der etwas sehr Weiches und Harmonisches ausgeht, die aber auch den Eindruck einer sehr energischen und durchdachten Persönlichkeit vermittelt.

Auch in ihren Wächterfiguren mit überlängerten Körperdarstellungen und fragilen Flügelansätzen findet sich das Wechselspiel der Gegensätze wieder, denn die „Wächter“ sind Beschützer und Beobachter zugleich.

Des Weiteren arbeitet die Künstlerin stets mit dem Formenkreis der Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft, die sie ganz selbstverständlich um ein Fünftes ergänzt – dem feinstofflichen „Äther“ oder Geist, „Spirit“, wie sie es nennt. Das Zusammenspiel dieser fünf Elemente und ihr jeweiliger Anteil darin machen ihre Kunstwerke einzigartig. Jedes ihrer Werke ist ein kleiner Teil von ihr, etwas durch sie, von ihr Gesehenes. Die Künstlerin wünscht sich, dass ihre Werke immer wieder neu entdeckt werden.

Es ist die Vielfältigkeit in der Ganzheitlichkeit, die sie in ihren Werken sichtbar machen möchte. Das große Ganze entspringt den Details der einzelnen Elemente und darf sich im Auge des Betrachters wieder zu einer Einheit zusammenfügen. Dabei wird er aufgefordert, stets seinen bisherigen Standpunkt zu wechseln, um die Details des Ganzen immer wieder neu zu entdecken. „Kunst dient hier als ein Werkzeug, um Menschen auf dem Weg zu begleiten, sich tiefgründiger zu entdecken“, findet sie und schließt damit auch sich selbst ein.

Eva Lux

Quelle: CO-Heft  3/2012
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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UNITY IN DIVERSITY, 2011

Rudolf Barnholt über Soheyla B. Fahimi

Soheyla B. Fahimi’s neueste Arbeiten sind so etwas wie ein Ticket für eine Reise ins eigene Ich.
Im Mittelpunkt stehen Décollagen, die nicht ohne Hintergedanken aus Schichten von Werbeplakaten aufgebaut wurden: Die bunte, schrille Werbewelt möchte Wünsche in uns wecken, uns in eine bestimmte Richtung lenken. Soheyla B. Fahimi hat etwas ganz anderes mit dem Betrachter ihrer Werke vor: Sie zerstört Schicht für Schicht den schönen Schein, den die Plakate ursprünglich verströmen sollten, schafft dafür eine mystische Welt in zarten, leichten, luftigen Farben. Im Gegensatz zu den Werbestrategen hat sie keine Erwartungshaltung, schreibt nichts vor, sondern lädt unverbindlich ein, einzutauchen in ihre Welt der Träume und Visionen, die häufig ihren Ursprung in der Mythologie hat. Der Betrachter wird ermuntert, eigene Träume und Visionen zu erkennen – und sich selbst zu entdecken. Überlagerte Wünsche und Bedürfnisse sollen entschleiert werden. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage: Was ist tatsächlich wichtig im Leben? Das erklärte Ziel: Authentisch leben. Dass selbst die Dämonen bei Soheyla B. Fahimi liebenswert wirken, ist in der Geisteshaltung der Künstlerin begründet: Das Böse hat für sie die Funktion, das Gute sichtbar zu machen. Übrigens: Man muss sich ein wenig Zeit nehmen, um die Botschaften und Gestalten, die in den Arbeiten untergebracht sind, zu entdecken. Urplötzlich stehen sie vor einem wie alte Bekannte.

RUDOLF BARNHOLT

 

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DIE UMARMUNG, 2006

Eröffnung der Ausstellung mit Bildern und Plastiken von Soheyla Bongartz Fahimi am
9. Oktober 2004 im Künstlerhaus Eickener Straße e.V.

Es war einmal… So beginnen Märchen. Weit davon entfernt, Geschichten für Kinder zu sein, verbergen Märchen vielmehr alte Weisheiten, Lebenserfahrungen; erhalten sie – einem Menschengedächtnis ähnlich – Gefühle und Entwicklungsprozesse, die unser Leben ausmachen; sie berichten von der Erfahrung von Zuwendung ebenso wie von der des Ausgestoßen-Seins, von Liebe und Hass, von Einsamkeit und Trauer, vom Kampf um das Bestehen in der Gesellschaft, von den Kräften, die unser Leben mit – bestimmen.
Es war einmal… Menschen fechten Kämpfe aus und bestehen Prüfungen, die Symbolkraft für die eigenen Prüfungen und das eigene Kämpfen erhalten.

Prüfungen und Kämpfe, die so oder so ähnlich in zahlreichen Märchenerzählungen auftauchen, über die Kulturen hinweg.
Märchen sind aber trotz aller psychologischen und pädagogischen Analysen nicht bis ins letzte Detail erklärbar. Immer bleibt ein Rest von Geheimnis und Rätsel, immer bleiben sie märchenhaft. Und genau das ist es, was sie so faszinierend macht. Das Nebulöse, Wunderbare, Verzauberte, das Rätselhafte, Unglaubliche, das Geheimnisvolle, das ist es, was Menschen zu den alten Märchen und Sagen ebenso wie zu den modernen Märchen wie dem Herrn der Ringe, zu Harry Potter und vielen mehr greifen lässt: der Wunsch danach, die trockene, rationale manches Mal allzu durchschaubare Alltagswelt für eine Weile zu verlassen und einzutauchen in die symbolkräftige Zauberwelt, ihre verlorenen und verschütteten Weisheiten zu erkunden und aufzusaugen.

Soheyla Bongartz Fahimi beruft sich in ihren Gemälden und Décollagen ebenso wie in ihren Plastiken auf diese uralten Inhalte und Figuren einer mystischen Märchen und Sagenwelt.
Wie aus einem Nebel ragt ein Gestalt mit einem langen Bart aus den Farbschichten der Gemälde heraus, entwickeln sich Landschaften, Bergspitzen, Täler, Wälder, die wie unter einem Schleier verborgen zu sein scheinen. Und plötzlich ist da eine weitere Figur, die sich an die erste anlehnt. Und plötzlich taucht ein Engel auf, ein Schwan, und eine weitere Gestalt. Alle scheinen miteinander verbunden, aufeinander aufzubauen. Und schon ist der Betrachter in eine Geschichte eingetaucht, die – angeregt von Fahimis Bilderzählung – eine eigene Dynamik und einen eigenen Erzählverlauf entwickelt. In Verbindung mit all dem, was der Betrachter an Märchen und Sagen, an traumhaften Geschichten gehört und gelesen hat, entstehen in Blick auf die Bilder und Décollagen neue Assoziationen, neue Gedanken und innere Bilder. Der Betrachter beginnt sein eigenes „ Es war einmal…“ zu träumen. Vielschichtig sind die Märchen und Sagen, die unsere Vorfahren uns überliefert haben, vielschichtig auch die von mir genannten „modernen“ Märchen.

Vielschichtig wie das Leben und der Mensch selbst. Vielschichtig wie die Décollagen von Soheyla Bongartz Fahimi: über und über beklebt und von Wind und Wetter oder den Händen der Vorübergehenden teilweise abgerissene Plakate nimmt sie aus dem ursprünglichen Zusammenhang, um sie für Ihre Bilder weiter zu verarbeiten: sie löst Flächen ab, klebt neue darüber und hinzu, fügt Konturen und farbige Schatten hinzu oder lässt das vom Zufall gelenkte Spiel der Formen und Farben bestehen. Aus den zufälligen und den gelenkt-zufälligen Formen entwickeln sich die Bilderzählungen. Durch die vielfache Schichtung von Papieren und Plakaten Übereinander entsteht oft ein fast reliefartiger Eindruck mit Unebenheiten, Spalten und Lücken – kein glatter, sauberer und ebener Untergrund würde sich eignen für die Vielschichtigkeit einer Erzählung voller Emotionen, Prüfungen und Kämpfen.

Soheyla Bongartz Fahimis Figuren aus Ton, ihre „ Wächterfiguren“ scheinen etwas zu wissen, das uns – und vielleicht sogar der Bildhauerin selbst – verborgen ist oder besser ausgedrückt: das sie und wir wissen, ohne uns dessen tatsächlich bewusst zu sein. In ihrer dunklen Monochromie wirken die Wächterfiguren wie Gestalten aus längst vergangenen Zeiten und weit entrückten Welten, die auf geheimnisvolle Weise ihren Weg in unsere Gegenwart gefunden haben. Im Formen und Stauchen, Klopfen und Schlagen des erdnahen Materials kehrt sich für Soheyla Bongartz Fahimi das Innere ihrer eigenen Vorstellungen und Ideen nach Außen, in die Figur hinein. Ihre Engel und Wächterfiguren sind schlank aufragende, grazile Gestalten, deren Köpfe offen zu sein scheinen, „empfangsbereit“ für die Signale, die sie von Außen aufnehmen können. Zugleich wirken die Köpfe der Wächterfiguren wie gekrönte Häupter, erhalten sie damit etwas Majestätisches. In ihrer Zartheit besitzen sie dennoch eine verschwenderische Energie, Kraft und Ruhe. Mit Namen wie „Hohe Priesterin“, „Waldwächterin“, „Micca“ – in Anlehnung an den Erzengel Michael – weisen sie auf vergangene und weit entrückte Welten, die ihren Weg in unsere Gegenwart gefunden haben. Auf der Grenze zwischen Verborgenem und Sichtbaren, zwischen Rätsel und Klarheit, zwischen Vergangenheit und Gegenwart bewachen sie, was war, was ist und was sein wird.

©Sirgid Blomen-Radermacher

 

 

 

WEB-SS-MERLIN-2004-MDL  MERLIN, 2004

C/O MÖNCHENGLADBACH – SOHEYLA B. FAHIMI

Soheyla B. Fahimis Bilder laden zur Suche ein: zur Suche nach versteckten Köpfen und ganzen Figuren, zur Suche nach verborgenen Landschaftsmotiven, zur Suche nach den versteckten Beziehungen zwischen den Kompositionselementen, zur Suche nach den unterschwelligen Assoziationen, die die Bildwelten von Fahimi auslösen, zur Suche nach neuen Bedeutungen.

Ein Bild wie das mit dem Titel „Merlin“ wirkt auf den ersten Blick des Betrachters wie eine in zarten Pastelltönen harmonisch abgestimmte abstrakte Farbkomposition. Dieser 1. Eindruck wandelt sich jedoch bei einer längeren Betrachtung: hier schält sich ein Felsen heraus, dort scheinen Nebel zu liegen, hier taucht eine greise Figur mit einem langen weißen Bart auf – und schon ist der Betrachter in einer Geschichte hinein geraten, die – ausgehend und gelenkt von Fahimis Bildgeschichte – in einer eigenen Dynamik einen eigenen Verlauf entwickelt. Assoziationen an erzählte Märchen, an erlebte Geschichten und an phantastische Welten werden geweckt und weiter geführt.

Das ist es, was das Ziel der Malerin ist: die Phantasie des Betrachters anregen, ihn zum Träumen bringen, seine Gedanken lebendig machen und weiter entwickeln.

Das Bild „Merlin“ beschäftigt sich tatsächlich mit der Sagengestalt dieses Zauberers. In anderen Gemälden werden weitere Sagen wie die um Artus oder Mythologien ebenso wie religiöse Geschichten und Figuren aufgegriffen – doch nie handelt es sich um eine Illustration der Malerin, vielmehr ist das, was auf der Leinwand entsteht, eine angedeutete Interpretation, die genügend Freiraum für die Kreativität des Betrachters lässt.

„Das Gericht“ beispielsweise vermengt Priesterfiguren aus den unterschiedlichsten Religionen wie die christliche, die buddhistische, die hinduistische oder das Schamanentum miteinander. Schier unzählbar sind die schlanken Köpfe auf hohen Gestalten, denn sie bewegen sich nicht nur an der Bildoberfläche, sondern verbergen sich wie Schemen unter der obersten Farbschicht. Fragen nach den Beziehungen zwischen den Religionen oder deren Vertretern stellen sich, Fragen nach den Drahtziehern kirchlicher Macht im Hintergrund tauchen auf.

Während „Das Gericht“ mit Acrylfarben gemalt ist, bedient sich Soheyla B. Fahimi in „Merlin“ der Technik der Décollage: über und über beklebte und von Wind und Wetter oder den Händen der Vorübergehenden teilweise abgerissene Plakate entnimmt sie dem ursprünglichen Zusammenhang, um sie für ihre Bilder weiter zu verarbeiten: sie löst Flächen ab, klebt neue darüber und hinzu oder aber lässt das vom Zufall gelenkte Spiel von Formen und Farben bestehen. Aus den zufälligen und den gelenkt-zufälligen Formen entwickelt Fahimi ihre Bildwelten. Durch die Schichtung von Papieren und Plakaten – mindestens sechs Schichten kleben übereinander – entsteht ein fast reliefartiger Eindruck, den Fahimi betont, indem sie nicht alle Schichten glatt aufklebt, sondern Lücken und Spalten offen lässt.

Fahimis neue Bilder beschäftigen sich in ihrer Märchen- und Mythenwelt mit dem 5. Element, dem Geist oder Spirit, nachdem sie sich lange Zeit vorher in Malerei und Bildhauerei mit den Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde auseinander gesetzt hat.

Der größere Teil der künstlerischen Arbeit von Soheyla B. Fahimi ist von der Malerei geprägt. Wenn die Bildhauerei auch der kleinere Teil ist, so besitzt er für die Künstlerin doch eine tiefe Bedeutung. Während die Malerei die Gefühle, Erinnerungen, Vorstellungen von Fahimi auf dem Weg über Pinsel, Farbe, Leinwand und Papier ab-bildet, so empfindet sie die Arbeit mit dem Ton als die unmittelbarere Umsetzung ihrer Emotionen und Gedanken.„Aus dem Bauch heraus“ entstehen archaische Figuren aus Ton, die sie monochrom und überwiegend dunkel bemalt. Im Formen und Stauchen, Klopfen und Schlagen des Materials kehrt sich für die Künstlerin das Innere ihrer Vorstellungen nach Außen. Auf diese Weise formt sie seit einigen Jahren die „Wächterfiguren“: schlank aufragende, grazile Gestalten, deren Köpfe offen zu sein scheinen, empfangsbereit – so nennt Fahimi es – für alle von Außen kommenden Signale. Dieser offene Schädel gibt den Wächterfiguren etwas Gekröntes und Majestätisches. „Hohe Priesterin“ heißt die eine, „Waldwächterin“ die andere, „Micca“, in Anlehung an den Erzengel Michael, ein weiterer. Engel tauchen unter den Wächtern vielfach auf: beeindruckende Flügel richten sie weit geöffnet nach Oben. Fahimi stellt sich vor, dass die Wächterfiguren Mensch und Natur bewachen und zwar über die Zeitgrenze hinaus: sie bewachen, was war, was ist und was sein wird.

©Sigrid Blomen-Radermacher

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BLUE SPIRIT, 2004

 

 

 

 

 

 

 

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   MICCA, 2003